Zwischen Megatrend und Moral – Verantwortungsbewusste Digitalisierung

Shownotes

Künstliche Intelligenz und digitale Technologien verändern unsere Gesellschaft grundlegend. Doch wie gelingt es, diesen Wandel verantwortungsvoll zu gestalten? Zum Auftakt der neuen Staffel von "Ermutigende Blickwinkel" sprechen wir mit Prof. Dr. Jeannette Hofmann, führende Expertin für Internetpolitik und digitale Gesellschaft. Die Folge zeigt: Digitalisierung ist weit mehr als ein Technikthema. Sie beeinflusst, wie wir arbeiten, denken und miteinander umgehen. Es geht es um zentrale Fragen zur digitalen Teilhabe, die Rolle von Bildung, Auswirkungen auf Demokratie sowie ökologische Herausforderungen der KI.

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00:00:08: Ermutigende Blickwinkel, der Podcast zur nachhaltigen Transformation.

00:00:15: Es gibt einen Zukunftsforscher, der hat mal gesagt, dass man im technischen Wandel die kurzfristigen Wirkungen überschätzt und die langfristigen Wirkungen unterschätzt.

00:00:26: Und ich glaube, dass wenn man jetzt über KI spricht, dass das ganz deutlich zu sehen ist.

00:00:39: Willkommen zu einer neuen Staffel von Ermutigende Blickwinkel, der Podcast zur nachhaltigen Transformation.

00:00:46: In dieser Staffel widmen wir uns einem Thema, das gerade überall diskutiert wird und enorme Auswirkungen sowohl auf Unternehmen als auch Individuen hat: Künstliche Intelligenz und Verantwortungsbewusste Digitalisierung.

00:01:01: Zum Auftakt freue ich mich ganz besonders über unseren heutigen Gast, Professor Dr.

00:01:06: Jeannette Hofmann.

00:01:07: Sie ist Forschungs- und Gründungsdirektorin des Alexander-von-Humboldt-Instituts für Internet und Gesellschaft und eine der profiliertesten Stimmen, wenn es um Internetpolitik, digitale Gesellschaft und die Regulierung technologischer Entwicklungen geht.

00:01:24: Ihre Forschung beschäftigt sich seit vielen Jahren damit, wie Digitalisierung gesellschaftliche Strukturen, demokratische Prozesse und unseren Umgang mit Wissen und Fakten verändert.

00:01:37: Und mit ihr wollen wir heute einordnen, wo wir beim Thema Digitalisierung eigentlich stehen, warum verantwortungsvolle Gestaltung so entscheidend ist und welche Weichen wir jetzt stellen müssen, damit die Transformation unsere Gesellschaft stärkt statt spaltet.

00:01:54: Schön, dass Sie da sind, Frau Professor Hofmann.

00:01:57: Danke für die Einladung.

00:01:59: Und bevor wir gleich einsteigen, wollen wir Sie, Frau Hofmann, noch ein bisschen besser kennenlernen und uns warmlaufen.

00:02:06: Wir haben hier im Podcast eine kleine Tradition, unsere Rubrik Schnell und ehrlich.

00:02:12: Das geht ganz unkompliziert.

00:02:14: Eine Frage, zwei Antwortmöglichkeiten und eine spontane Entscheidung Ihrerseits.

00:02:20: Sind Sie bereit?

00:02:22: Ja.

00:02:23: Starten wir mit Schnell und ehrlich.

00:02:31: Schnell und ehrlich.

00:02:33: Analoge Notizen oder strikt digital?

00:02:36: Beides.

00:02:38: Beides.

00:02:38: Das ging schnell.

00:02:39: Ja, hat beides seine Vorteile.

00:02:41: Definitiv.

00:02:42: Ein großes Projekt oder mehrere kleine parallel?

00:02:47: Oh, viele nebeneinander.

00:02:49: Ja, welchen Vorteil hat das für Sie?

00:02:51: Ist keine Frage des Vorteils, ist eher so, wie ich gestrickt bin.

00:02:54: Ich interessiere mich für zu viele Dinge gleichzeitig.

00:02:58: Ja, dann kommt man nicht drum rum, parallel zu arbeiten.

00:03:01: Das stimmt.

00:03:02: Eine präzise E-Mail oder lieber ein direktes Gespräch?

00:03:07: E-Mail.

00:03:08: E-Mail.

00:03:09: Wunderbar.

00:03:10: Vielen, vielen Dank, Frau Hofmann, für Ihre spontane Ehrlichkeit an dieser Stelle.

00:03:20: Schauen wir uns einmal den aktuellen Stand und den globalen Vergleich der Digitalisierung an in Deutschland.

00:03:29: Der digitale Wandel eröffnet unserer Gesellschaft ja vielfältige Möglichkeiten.

00:03:34: Laut D21, dem Digitalindex, sehen rund die Hälfte der Bürgerinnen und Bürger, also ungefähr 48% in Deutschland, darin eine Chance für persönliche und berufliche Entwicklung.

00:03:46: Andere Studien zeigen wiederum, dass Deutschland bei der Digitalisierung eher im Mittelfeld liegt.

00:03:51: Wie würden Sie denn digitalen Status quo Deutschlands im internationalen Vergleich einordnen?

00:03:56: Also was können wir auch von anderen Ländern lernen und was sollten wir lieber nicht kopieren?

00:04:01: Was meinen Sie?

00:04:03: Also generell hängen wir in vieler Hinsicht anderen Ländern hinterher.

00:04:08: Das gilt etwa für die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung.

00:04:12: Viele Leute bekommen bekommen das ja in ihrem Alltag zu spüren, dass sie immer wieder die gleichen Formulare ausfüllen müssen.

00:04:21: Das sind Dinge, da sind uns andere Länder bei Weitem voraus.

00:04:25: Mir fällt international ein weiteres Land ein, das mit den gleichen Problemen kämpft, und das ist interessanterweise Japan.

00:04:34: Wenn man den Japanern sagt, bei uns in der Gesundheitsverwaltung wird immer noch das Fax bevorzugt, weil das angeblich sicherer sein soll als die E-Mail, dann lachen die Japaner sagen: In der Gesundheitsverwaltung bei uns steht in jedem Büro in der öffentlichen Verwaltung noch ein Faxgerät rum.

00:04:53: Ja, vielen Dank für dieses konkrete Beispiel.

00:04:56: In Ihrer Forschung beschreiben Sie ja die Digitalisierung als einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel.

00:05:02: Was bedeutet das genau?

00:05:05: Es bedeutet, dass viele althergebrachte Gegenstände, aber auch Konzepte oder Art und Weisen, auf die Welt zu gucken, sich grundlegend neu formieren und wir die anders denken müssen.

00:05:20: Ich nehme mal als erstes Beispiel, dass früher das Telefon ein eigenständiges Gerät war und irgendwann war es eine App auf einem Telefon.

00:05:30: Oder dass ein Hotel etwas anderes war als das, was es heute ist, wenn man es über eine Plattform bucht.

00:05:39: Oder ein Taxi heute was anderes ist, wenn man beobachten kann, wie es sich einem nähert, der Preis vorher ausgehandelt werden kann etc.

00:05:49: Et cetera.

00:05:50: Um viele Dinge des Alltags gruppieren sich neue Dienstleistungen, die diesen Sachverhalt oder diesen Dienst grundlegend verändern.

00:06:01: Und auch natürlich diejenigen, die das betreiben.

00:06:04: Also die Plattformisierung führt eben dazu, dass das eigenständige Taxiunternehmen ausstirbt und das einzelne Hotel auch nicht mehr ein einzelnes ist, sondern seine Dienste über Dritte anbietet und von denen unter Umständen auch Konditionen aufgedrückt kriegt.

00:06:24: Und das kriegen wir alle, sowohl als Endverbraucher:innen als auch als Betreiber, als Unternehmen, kriegen wir das täglich mit, dass sich die Umstände unseres Handelns in verschiedener Weise verändern.

00:06:38: Einerseits sieht es so aus, als hätten wir viel mehr Wahlfreiheiten, auf der anderen Seite sind wir auch in vieler Hinsicht eingeschränkter als vorher.

00:06:47: Ja, Sie haben da ein schönes Bild aufgerissen, sowohl Vorteile als auch Nachteile ja auch schon skizziert.

00:06:54: Und welche Dimensionen der Digitalisierung werden in der öffentlichen Debatte Ihrer Meinung nach noch unterschätzt?

00:07:00: Es gibt einen Zukunftsforscher, der hat mal gesagt, dass man im technischen Wandel die kurzfristigen Wirkungen überschätzt und die langfristigen Wirkungen unterschätzt.

00:07:11: Und ich glaube, dass, wenn man jetzt über KI spricht, dass das ganz deutlich zu sehen ist.

00:07:17: Wir haben immer wieder die Diskussion Diskussion darüber, ob uns diese Systeme bald den Rang ablaufen, mächtiger sind als wir und sich verselbstständigen.

00:07:29: Und ich denke, wenn man sich mal anguckt, wie diese Systeme, die wir heute verwenden, etwa Large Language Models, die großen Sprachmodelle, die im Moment ja viel besprochen werden, wenn man sich anguckt, wie die funktionieren, dann ist das noch ganz weit weg, dass hier sozusagen ein Machtkampf um die Kontrolle zu erwarten ist.

00:07:51: Aber langfristig ändern wir uns selbst während und durch die Nutzung von digitalen Technologien.

00:07:59: Wir ändern uns im Sinne von, wie wir uns selber wahrnehmen, wie wir uns im Vergleich zu anderen wahrnehmen und auch ganz stark im Hinblick auf, was wir erwarten können von der Zukunft und wie wir uns im Verhältnis zur Welt persönlich aufstellen und uns selbst verstehen.

00:08:20: Ich nenne Ihnen mal ein Beispiel, was in den letzten Jahren viel besprochen worden ist: der Vergleich, der durch die sozialen Netzwerke so ein wichtiges Thema gerade auch für junge Leute geworden ist.

00:08:33: Man schreibt irgendwas auf einem sozialen Netzwerk und wird dann sich selber beobachten daraufhin, wie viel Likes man bekommt, wie viel Reaktionen eingestellt werden etc.

00:08:46: Etc.

00:08:46: Wir haben hier sozusagen neue Metriken des des Sozialen entwickelt, die uns in ein beständiges Verhältnis zu anderen setzen, im Sinne von: Bin ich so populär wie Dritte, ja oder nein?

00:09:02: Und damit können Menschen, die anders aufgewachsen sind und älter geworden sind, vielleicht leichter umgehen als junge Leute, die als Teenager heute mit diesen Metriken ständig umgehen müssen und darunter auch erkennbar leiden.

00:09:18: Ja, vielen Dank, dass Sie das Ganze auch noch mal aufgegleist haben, dass Digitalisierung halt nicht nur ein Technikthema bleibt und ein Silo für sich, sondern eben enorme Auswirkungen auf die Nutzer:innen und damit auch die Gesellschaft hat.

00:09:35: Ja, sprechen wir von verantwortungsvoller Digitalisierung.

00:09:40: Studien zeigen, dass sich die Digitalisierungskompetenzen in der Bevölkerung stark unterscheiden.

00:09:45: Abhängig von Herkunft, sozialem Stand und Bildung?

00:09:49: Und welche Rolle spielen digitale Bildung und Aufklärung für digitale Teilhabe?

00:09:54: Und wo kann und sollte diese geschehen?

00:09:57: Also ich sperre mich so ein bisschen gegen den Begriff der digitalen Bildung.

00:10:01: Es geht eigentlich um Bildung und die wirkt sich aus, wie wir mit digitalen Medien umgehen.

00:10:08: Die Bildung, die wir mitbringen, das Selbstbewusstsein, das wir durch Bildung erzeugen, hat unmittelbare Konsequenzen dafür, wie wir uns im digitalen Raum bewegen.

00:10:21: Wir haben mal im Auftrag des Familienministeriums am HIG eine Studie durchgeführt.

00:10:29: Da haben wir uns befasst damit, wie junge Leute die Digitalisierung selber für sich zu nutzen wissen.

00:10:35: Und da hat sich gezeigt, dass junge Menschen, Teenager etwa, die aus einem bildungsarmen Haushalt kommen, sich viel weniger zutrauen, trauen und deshalb auch im Digitalen weniger sich frei bewegen und die digitalen Medien auch deshalb weniger für ihre eigene Entwicklung nutzen können.

00:10:57: Sie trauen sich etwa weniger zu, so was wie Spam oder Falschinformationen zu erkennen und entsprechend damit umzugehen.

00:11:05: Während Kinder aus eher bürgerlichen Haushalten das Digitale für sich nutzen, auch um ihre eigenen Kompetenzen weiterzuentwickeln und daraus auch sehr viel Selbstwirksamkeit erzielen.

00:11:19: In den Digitalisierungsdebatten, ja, wird ja auch oft aufs Tempo gedrückt und gedrängt.

00:11:25: Ja, wir haben ja auch eingangs schon besprochen, Sie haben ja auch schon gesagt, Frau Hofmann, wir sind da definitiv eher hinten dran.

00:11:33: Doch Geschwindigkeit allein ist eben nicht immer gleich Fortschritt.

00:11:37: Der Deutschlandindex 2025 zeigt zum Beispiel, dass gesellschaftliche Akzeptanz und Vertrauen nicht immer mit den technischen Entwicklungen Schritt halten.

00:11:45: Warum ist es dann so wichtig, Digitalisierung nicht nur technisch, sondern bewusst verantwortungsvoll verantwortungsvoll zu gestalten?

00:11:52: Also ich würde zunächst mal unterscheiden: Natürlich haben Sie grundsätzlich recht, dass Geschwindigkeit nicht alles ist und dass eine gewisse Trägheit im Umgang mit neuen Technologien unter Umständen sogar sinnvoll sein kann.

00:12:06: Mir begegnete vor einigen Monaten ein politisches Vorhaben aus den 60er, 70er Jahren in Berlin.

00:12:13: Da sollte die sogenannte Westtangente, eine Autobahn quer durch Berlin gezogen werden.

00:12:19: Da hat es jede Menge Widerstand dagegen gegeben und heute Sind alle froh, dass die nicht gebaut worden ist, diese Autobahn.

00:12:25: Also dieses, was wir mal als allgemeines gesellschaftspolitisches Fortschrittsmerkmal verstanden haben, überall autogerechte Straßen hinzubauen, das sehen wir heute sehr viel skeptischer.

00:12:38: Und da muss man sagen, war Trägheit ein Vorteil gegenüber hocheffizienten Durchsetzungen der damaligen Verkehrspolitik.

00:12:48: Aber wenn man sich das Beispiel anguckt, was ich vorhin erwähnte, nämlich die Digitalisierung der Verwaltung.

00:12:55: Hier kann man nicht davon sprechen, dass Trägheit unbedingt Vorteile mit sich bringt, sondern hier würde ich sogar eher sagen, da ist Trägheit demokratiegefährdend in dem Sinne, dass staatliche Leistungen weit hinter dem zurückbleiben, was sie heute leisten könnten.

00:13:12: Heute könnte man ja zum Beispiel als Ziel ausgeben, dass wenn ein Baby geboren wird, dass man nicht mehr 100 Anträge schreiben muss, sondern der Staat schon weiß, dass dieses Baby geboren ist, und den Eltern sagt, dir steht Elterngeld Geld zu und du musst dies machen und jenes machen und wir erledigen das alles für dich.

00:13:31: Unterschreib hier einmal und dann geht es von selbst vonstatten.

00:13:35: Oder so was wie die zigste Verspätung der Bahn.

00:13:38: Wieso muss man hier Kompensation beantragen?

00:13:41: Die Bahn könnte es uns einfach so auszahlen.

00:13:44: Die haben die Daten vorliegen.

00:13:46: Es gibt überhaupt kein Problem dabei, so was auch bürgerfreundlich und bürgernah umzusetzen.

00:13:53: Man wünscht sich heute eigentlich staatliche Verwaltungen, die tatsächlich dienstleistungsverständnis entwickeln, indem sie uns unterstützen, statt uns ständig neue Auflagen zu machen, über welche Daten wir geben müssen und was wir alles beantragen müssen.

00:14:08: Also so hier in der Hinsicht finde ich, ist Trägheit kein Vorteil, sondern eher eine Gefährdung von Demokratie.

00:14:17: Die verantwortungsvolle Nutzung von Technik hängt tatsächlich sehr stark vom Kontext ab.

00:14:24: Und natürlich bedeutet es in einer staatlichen Umgebung etwas anderes, als bei Unternehmen.

00:14:31: Da gibt es ja auch ganz unterschiedliche Vorgaben, an denen sich Organisationen orientieren müssen.

00:14:39: Also der Staat muss etwa sehr viel stärkere Transparenzpflichten den Bürger:innen gegenüber erfüllen.

00:14:46: Hier sind Grundrechte ganz entscheidend, die bestimmen, wie der Staat mit diesen Daten umgehen soll.

00:14:53: Während bei Privatunternehmen das eher geregelt wird durch Regulierungen, die zurzeit im Bereich der Digitalisierung überwiegend aus Brüssel kommen.

00:15:04: Vielen Dank, Frau Hofmann, für Ihre vielfältigen Beispiele, die auch zeigen, dass ja bereits Digitalisierung in Automation auch schon einen großen Vorteil bringen kann und man noch nicht einmal die künstliche Intelligenz zu Rate ziehen muss.

00:15:18: Ja, digitale Technologien wirken immateriell.

00:15:21: Lassen Sie uns doch mal auf den ökologischen Part schauen.

00:15:24: Doch dahinter stehen energieintensive Rechenzentren und globale Lieferketten für seltene Erden.

00:15:30: So ist Digitalisierung längst selbst ein relevanter Umweltfaktor geworden.

00:15:35: Wie kann verantwortungsbewusste Digitalisierung gelingen, wenn wir Energieverbrauch, Ressourceneinsatz und ökologische Auswirkungen konsequent mitdenken?

00:15:46: Ja, das ist zurzeit ein ganz schwieriges Problem, weil der Wettbewerb um die effizientesten Sprachmodelle dafür sorgt, dass der Energieverbrauch eigentlich beständig steigt, damit auch die Kosten der Energie für private Haushalte enorm steigt.

00:16:09: Das führt ja, kann man sehen in den USA derzeit, auch schon dazu, dass sich Rechenzentren gar nicht mehr überall einer Zustimmung erfreuen können.

00:16:22: Im Gegenteil, wir haben diese Diskussion auch gehabt mit Blick auf neue Rechenzentren in Brandenburg, wo zu Recht kritisiert worden ist, dass die fast keine Arbeitsplätze schaffen, die Gewinne solcher Rechenzentren auch nicht hier landen, sondern eher bei den Betreiberunternehmen, die überwiegend amerikanischer Herkunft sind, und der Wasser- und Stromverbrauch dieser Rechenzentren so groß ist, dass er tatsächlich eine Gefährdung im Ressourcenverbrauch auch für die Leute, die um diese Rechenzentren rumleben, darstellt.

00:17:02: Wie man das derzeit begrenzen kann, ist mir nicht so richtig klar, weil diese Rechenzentren ja, oder sagen wir, die Entwicklung von KI-Modellen eher den Energieverbrauch als einen zu vernachlässigenden Faktor ansieht und weniger das Ziel und den Ehrgeiz darauf legt, Sprachmodelle zu entwickeln, die weniger Ressourcen verbrauchen.

00:17:31: Wir Wir haben erlebt durch entsprechende Modelle, die aus China kamen, dass das wohl durchaus möglich ist.

00:17:39: Aber das ist nicht der Entwicklungspfad, der sich in den USA durchgesetzt hat und auf dem sich die meisten Unternehmen heute bewegen.

00:17:57: Schauen wir mal Richtung Gesellschaft und Demokratie.

00:18:02: Und schauen uns auch die Auswirkungen von Digitalisierung auf unsere Gesellschaft an.

00:18:07: Wie verändert denn die Digitalisierung unserer Informationsräume das Vertrauen in Fakten und was bedeutet das für demokratische Prozesse?

00:18:17: Also Digitalisierung verändert Demokratie auf verschiedenen Ebenen.

00:18:23: Am deutlichsten sehen wir es vermutlich zurzeit im Hinblick auf die öffentliche Sphäre.

00:18:30: Ich würde aber auch betonen wollen, dass auch im Bereich der politischen Partizipation sich viel verändert und das mit Sicherheit nicht das Ende der Fahnenstange ist, sondern wenn man jetzt mal überlegt, dass wir irgendwann die staatlichen Verwaltungen digitalisieren werden, sich auch in der Beziehung zwischen Bürger:innen und Staat sicher noch viel verändern wird.

00:18:56: Man kann auch darüber spekulieren, ob es langfristig Veränderungen in der politischen Repräsentation geben wird.

00:19:04: Stichwort Parteienverdruss.

00:19:07: Und das bringt mich zu einem grundsätzlichen Punkt: Wir neigen immer dazu, die Quelle solcher Veränderungen in der digitalen Technik zu sehen.

00:19:16: Ich würde stattdessen behaupten, dass wir es hier mit Konstellationen zu tun haben, in dem Sinne, dass Techniken, neue Techniken, auch alte Techniken, immer viele Nutzungsweisen ermöglichen und nicht nur eine.

00:19:32: Und die Art und Weise, wie wir digitale Technik nutzen, auch was damit zu tun hat, welche Probleme wir damit lösen wollen und welche Vorhaben wir dadurch unterstützen wollen.

00:19:46: Und wenn ich sage, es könnte sich langfristig auch was in der Repräsentation verändern, dann hat es was damit zu tun, dass politische Parteien von vielen Bürger:innen nicht mehr als eine angemessene Form der Mitwirkung am demokratischen Gefüge wahrgenommen werden.

00:20:08: Wir sehen, dass die Mitgliedschaft in Parteien zurückgeht, also Mitglieder eher älter werden und nicht jünger.

00:20:17: Ich weiß von der Generation von Studierenden, mit der ich zu tun habe, dass die ganz überwiegend nicht mehr Parteien beitreten, sondern wenn sie sich politisch engagieren, das eher themenbezogen und projektbezogen machen, also eher in überschaubaren Zeiträumen sich organisieren und auch nicht mehr so ein breites politisches Interesse haben, wie das politische Parteien verkörpern, sondern sich eher, ich sag mal, für Geflüchtete einsetzen oder für Umweltfragen, also sehr viel spezifischer sich politisch engagieren.

00:20:54: Und daraus lässt sich schon die Frage ableiten: Sind Parteien das geeignetste Vehikel, von dem wir auch in 30 Jahren erwarten, dass sie politische Stimmungen, Interessen und Präferenzen gut abbilden, oder muss sich da irgendwas ändern, und welche Rolle kann Digitalisierung darin spielen?

00:21:14: Ich komme zurück zu meinem Ausgangspunkt: Am meisten sehen wir die Auswirkungen von Digitalisierungen im Bereich der Öffentlichkeit.

00:21:23: Das Erste, was wir ja wahrgenommen haben, ist, dass so etwas wie Plattformen und soziale Netzwerke entstanden sind, die wiederum der privaten Massenmedien, ich sag hier also vor allen Dingen Zeitungsverlage, ihnen ihr Geschäftsmodell zerstört haben.

00:21:40: Die meisten Werbeeinnahmen gehen heute an digitale Anbieter und nicht mehr an Zeitungsverlage.

00:21:48: Gleichzeitig ist es so, dass sich die Zeitungen aus dem flachen Land zurückziehen und das häufig das Geschehen in ländlichen Räumen gar nicht mehr abbilden.

00:22:00: Und natürlich die Zeitungen sich neue Geschäftsmodelle zurechtlegen müssen.

00:22:06: Und das schafft langfristig ein echtes Problem, weil so was wie politische Willensbildung funktioniert ja nur, wenn ein substanzieller Anteil der Bevölkerung daran auch teilnimmt.

00:22:19: Wenn es aber so ist, dass jeder sein Smartphone vor sich hat und was anderes sieht und nur noch die allergrößten Themen eine Chance haben, in alle, ich sag mal, Winkel der Gesellschaft sich auch auszubreiten und wahrgenommen zurückgenommen zu werden, dann bricht eine wesentliche Säule demokratischer Selbstbestimmung weg.

00:22:42: Vielen Dank.

00:22:43: Wir haben jetzt ja über die Gestaltung digitaler Räume sozusagen auch gesprochen.

00:22:47: Die ist nämlich auch entscheidend.

00:22:49: So liegt zum Beispiel ein großer Teil unserer digitalen Infrastruktur in der Hand weniger globaler Plattformen.

00:22:56: Sie haben es auch bereits erwähnt.

00:22:58: Wie können wir verhindern, dass zentrale digitale Entscheidungen von wenigen Akteuren dominiert werden?

00:23:04: Im Moment lässt sich das, glaube ich, gar nicht verhindern.

00:23:06: Es wird ja häufig darüber gesprochen, dass es gut wäre, wenn wir auch europäische Plattformen hätten.

00:23:13: Bisher haben wir uns hier wenig talentiert gezeigt, auch wenn neue Plattformen entstehen.

00:23:21: Das ist ja immer noch der Fall.

00:23:22: Es entstehen neue soziale Netzwerke.

00:23:24: TikTok ist ja eher ein jüngeres Netzwerk.

00:23:27: Es haben sich auch noch ein paar kleinere neuere seither etabliert.

00:23:30: Die kommen immer aus anderen Kulturräumen und nicht aus Europa.

00:23:36: Wir kriegen es hier ja derzeit nicht mal hin, unsere öffentlichen Inhalte— ich sag das, was durch unsere Gebühren im Fernsehen, im Radio produziert wird, aber auch in Hochschulen und anderen wissensproduzierenden Einrichtungen— das mal geballt der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.

00:23:56: Man könnte mit den öffentlichen Inhalten, die wir haben, wunderbar große Plattformen bespielen, aber wir machen das nicht.

00:24:04: Wir machen das nicht in den mit Mitgliedsstaaten und wir machen es auch nicht EU-weit.

00:24:10: Und das, muss ich sagen, betrübt mich, dass wir da so wenig Engagement und Initiative zeigen, um selbst wenn wir kein neues TikTok selber hervorbringen, wir doch wenigstens mit den Inhalten, die wir haben und mit denen wir wirklich auch punkten können, öffentliche Plattformen zu bespielen und sie den Bürgerinnen und Bürgern zur Verfügung zu stellen.

00:24:34: Sie haben ja gerade über Plattformen gesprochen, wie zum Beispiel TikTok.

00:24:38: Da sind Algorithmen natürlich extrem wichtig, denn die beeinflussen ja unser Verhalten, unsere Informationsräume und sogar politische Prozesse.

00:24:45: Wie gelingt es Ihrer Meinung nach, Algorithmen so zu gestalten, dass sie transparent, fair und demokratisch kontrollierbar bleiben?

00:24:53: Also zum einen muss man sehen, hat man es hier nicht mit einzelnen Algorithmen zu tun, sondern mit großen algorithmischen Clustern, und die werden werden, kann man sagen, fast täglich neu justiert.

00:25:07: Wie Unternehmen das machen, hat schon auch was mit regulatorischen Vorgaben zu tun.

00:25:13: Das Digitale-Dienste-Gesetz macht Unternehmen da viele Auflagen.

00:25:19: Das Gesetz zur künstlichen Intelligenz ergänzt die noch mal für Systeme, die wir heute als KI bezeichnen, die aber im Grunde auch algorithmische Systeme sind.

00:25:30: Da gibt es Auflagen in Sachen Transparenz, Unternehmen sagen müssen, wie sie, nach welchen Kriterien sie ihre Empfehlungsalgorithmen ausrichten.

00:25:41: Da passiert schon viel.

00:25:44: Ich glaube, dass unser Verständnis von Transparenz sich stark an der analogen Zeit orientiert und vielleicht nicht hinreichend berücksichtigt, dass Algorithmen viel zu komplex sind, unserer Vorstellung einer Blackbox, die man öffnet und in die man reingucken kann, zu entsprechen.

00:26:07: Wir haben das ja häufiger gehört im Kontext von KI, dass selbst diejenigen, die diese Systeme entwickeln und optimieren, nicht in der Lage sind, im Einzelnen nachzuvollziehen, wie solche Systeme zu ihrem Output gelangen.

00:26:28: Das bedeutet, dass wir so eine Art Ersatzkriterien brauchen, um von Transparenz überhaupt sprechen zu können.

00:26:48: Wir wagen mal einen Blick in die Zukunft.

00:26:51: Was sind für Sie die wichtigsten Weichenstellungen, damit KI und Digitalisierung unsere Gesellschaft stärken und eben nicht Schwächen?

00:26:59: Ich würde das nicht als Stärken oder Schwächen beschreiben, sondern es ist schon davon auszugehen, dass diese Systeme grundlegende Transformationsprozesse einleiten.

00:27:09: Und wie ich eingangs schon sagte, die langfristigen Wirkungen sind vermutlich unterschätzt.

00:27:16: Die können wir heute im Einzelnen noch gar nicht absehen.

00:27:20: Manche Leute betrachten das auch ganz nüchtern und sagen, es gab das Jahrhundert des Buchs, es gab das Jahrhundert des Films, jetzt kommt das Jahrhundert der digitalen Spiele und der digitalen Simulationen insgesamt.

00:27:35: Und das ist, wo die Hochkultur in 20, 30 Jahren sich austoben wird.

00:27:41: Möglicherweise ist das so.

00:27:43: Wir müssen uns da auf Dinge einrichten, die wir heute noch nicht so richtig absehen können.

00:27:49: Vielen Dank, Frau Hofmann.

00:27:51: Beginnen wir mit dem Mutmacher dieser Folge.

00:27:56: Zum Abschluss jeder Folge gibt es bei uns eben den Mutmacher.

00:28:00: Ein Moment, in dem wir nach vorne schauen und fragen: Was gibt uns Zuversicht?

00:28:05: Und ja, bei all den Herausforderungen, die wir heute besprochen haben, was ist Ihr Mutmacher, Frau Hofmann?

00:28:14: Mutmacher.

00:28:18: Ich würde sagen, dass die Wahl- und Handlungsmöglichkeiten der Menschen durch den medialen Wandel eigentlich sich beständig vergrößert haben.

00:28:31: Wenn ich an meine Kindheit zurückgucke, gab es da auf dem Küchentisch jeden Morgen eine Regionalzeitung, vielleicht mittags mal die Nachrichten im Radio und abends die Tagesschau.

00:28:42: Das war's.

00:28:44: Heute sind unsere Informationsquellen um so viel reicher.

00:28:48: Ich kann bei jeder Nachrichtensendung im Internet nachgucken und finde Quellen, die das entweder bestätigen, widerlegen oder aus differenzieren, was ich da gerade gesehen oder gehört habe.

00:29:02: Will sagen, meine Fähigkeiten haben enorm davon profitiert, dass ich mir die Vielfalt, die Welt zu sehen, ins Haus geholt habe.

00:29:13: Und ich bin der Überzeugung, dass das auch künftig der Fall sein wird.

00:29:17: In Deutschland haben wir immer die Tendenz, neue Technologien als Bedrohung wahrzunehmen, und zurzeit Zeit ist dieser Gefährdungsdiskurs sehr stark dominant.

00:29:28: Wir haben auch immer Angst davor, manipuliert zu werden, was irgendwie unterstellt, dass es mal einen Zeitraum gegeben hat, wo wir nicht manipuliert wurden.

00:29:39: Ich wage das zu bezweifeln.

00:29:41: Ich würde sogar sagen, dass unsere Möglichkeiten, uns heute gegen informationelle Manipulation zur Wehr zu setzen, indem wir Quellen überprüfen und unseren Horizont erweitern, dass unsere Möglichkeiten diesbezüglich sehr viel größer sind als vor 30, 40 Jahren noch.

00:30:04: Ja, vielen Dank, Frau Hofmann, für diese Einordnung und die wichtigen Impulse zum verantwortungsvollen Umgang mit Digitalisierung und KI.

00:30:12: Ein wirklich spannender Auftakt für diese Staffel und eine Erinnerung daran, dass technologische Entwicklungen immer auch gesellschaftliche Entwicklungen sind.

00:30:20: Ja, vielen Dank für die Einladung.

00:30:24: Und danke, liebe Hörerinnen und Hörer, dass ihr wieder zugehört habt.

00:30:27: Danke Danke für eure wertvolle Zeit.

00:30:30: Über Feedback freuen wir uns jederzeit auf Social Media oder über podcast@eb.de.

00:30:35: Bis zum nächsten Mal.

00:30:39: Schön, dass ihr dabei wart.

00:30:41: Abonniert uns für weitere ermutigende Inhalte zur nachhaltigen Transformation in Kirche, Gesundheits- und Sozialwirtschaft.

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